Aufruf

Aufruf in Deutsch

1 02 128Aufruf zu einer neuen Solidarität im Mittelmeerraum und in der euro-arabischen Welt

„Mare nostrum“ - das stellten sich die Römer für das Mittelmeer vor. Für das Reich, das rund um dieses Binnenmeer entstand, stellte es ein wesentliches Ziel der Außenpolitik dar. Daran hat sich in den letzten zwei Jahrtausenden nichts geändert, über alle Konflikte hinweg, welche die Völker, die sich die Vorherrschaft in dieser Region sichern wollten, immer wieder gegeneinander aufbrachten.

Heute werden diese Jahrhunderte alten Spannungen genutzt, um dem Gedanken eines abgekapselten Europa Vorschub zu geben, eines privilegierten Raums abseits der Unruhen, die unseren Planeten, insbesondere die arabischen Länder erschüttern.

Aus dieser Sicht heraus stellt das Mittelmeer kein Bindeglied mehr dar, sondern hat sich zu einer Grenze entwickelt. Indem die Protagonisten einer Abschottung Europas die Gegensätze, die mit den Religionskriegen in Europa aufgeflammt sind, wieder aufleben lassen, wollen sie die Macht erobern und setzen dabei das Kapital des gegenseitigen Verständnisses aufs Spiel, das doch die Grundlage der demokratischen und institutionellen Werte bildet, die zum Erfolg Europas beigetragen haben.

Solche Bestrebungen müssen von allen Mitgliedern der europäischen Gesellschaft unermüdlich bekämpft werden, wobei sich diese darüber bewusst sein muss, dass ihre Zukunft eben von ihrer Fähigkeit, ihre Partner von den sozialen und politischen Werten zu überzeugen, abhängt.

Mit der gleichen Entschlossenheit muss diese Vorstellung auch in den arabischen Ländern abgewehrt werden. Diese können nicht dulden, dass ein dogmatischer Konflikt ihre Hoffnungen auf Emanzipierung zunichte macht.

Zwölf Gründe, die für die Bildung eines Raums der Zusammenarbeit sprechen:

  • Der erste Grund basiert auf dem gemeinsamen Erbe der Völker, die ihre Wurzeln in gemeinsamen kulturellen, politischen, sozialen und religiösen Werten haben.
  • Der zweite Grund ergibt sich aus der offensichtlichen Tatsache, dass Kooperation dem Wohle der Völker stets dienlicher ist als Konfrontation.
  • Der dritte Grund bestünde darin, nach dem arabischen Frühling, nach den Gewaltausbrüchen sowohl in Europa als auch in den arabischen Ländern, nach den Dramen und dem Leid, das Hunderttausende von Flüchtlingen durchmachen mussten, eine konkrete Antwort Europas zu geben und dabei die Hoffnungen und Erwartungen der Zivilgesellschaft umfassend einzubeziehen (bottom-up approach), um endlich das Scheitern vorangegangener Versuche einer europäisch-arabischen Kooperation zu überwinden.
  • Der vierte Grund betrifft die offensichtliche demografische Komplementarität der beiden Regionen, nämlich auf der einen Seite ein alterndes, aber erfolgreiches und hochentwickeltes Europa und auf der anderen Seite die arabischen Länder mit einer jungen, nach mehr Lebensqualität strebenden Bevölkerung.
  • Der fünfte Grund ist wirtschaftlicher Art. Eine Region im Süden und Osten des Mittelmeers mit einem begrenzten Wachstumspotential aufgrund ungenügender ökonomischer und landwirtschaftlicher Kapazitäten und unzureichender Wasserressourcen, die sich künftig im Rahmen einer aktiven Zusammenarbeit mit einem Europa, das technische und finanzielle Unterstützung bietet, entwickeln könnte. Umgekehrt ist Europa in Bezug auf seine Energieversorgung abhängig, und eine gut durchdachte Partnerschaft bei der Lieferung fossiler Energieträger und der Entwicklung erneuerbarer Energien wäre von beiderseitigem Vorteil.
  • Der sechste Grund bezieht sich auf den Handel zwischen einer an Rohstoffen reichen, jedoch kaum industrialisierten Region und einer, die über eine Vielzahl an technologischen Kapazitäten verfügt, aber arm an Bodenschätzen ist.
  • Der siebte Grund ist finanzieller Art und betrifft die inakzeptablen sozialen Kosten, die die europäischen ebenso wie die arabischen Bürger letztlich für die Haushaltsungleichgewichte tragen müssen, und dies zulasten ihrer Hoffnung auf bessere Bildung und höhere Lebensqualität.
  • Der achte Grund bezieht sich auf Umweltaspekte, denn die Ressourcen, die zur Entwicklung der beiden Regionen insbesondere im Hinblick auf Energie- und Wasserversorgung, Klimaschutz und Tourismus unabdingbar sind, müssen bestmöglich verwaltet werden.
  • Der neunte Grund ist insofern kultureller Art, als die Wahrnehmung des Anderen und das Teilen gemeinsamer Werte nur im Rahmen eines kulturellen und stets aufs Neue belebten kulturellen Dialogs möglich ist. Nur so kann eine neue Beziehung entstehen, in der der Andere nicht mehr als Fremder wahrgenommen werden darf, der, will er sich integrieren, zur Selbstauslöschung verdammt ist.
  • Der zehnte Grund ist ein politischer Grund und beruht auf der Überzeugung, dass es für den israelisch-palästinensischen Konflikt, der seinen Ursprung in der Gründung des Staates Israel nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Zustimmung der arabischen Länder hat, nur im Rahmen einer europäisch-arabischen Beziehung eine Lösung gibt, einer Beziehung, bei der in dynamischer Zusammenarbeit die Interessen aller israelischen, palästinensischen, arabischen und europäischen Bürger berücksichtigt werden.
  • Der elfte Grund ist sicherheitspolitischer Art und bezieht sich auf die offensichtliche Tatsache, dass kein Streit auf rein militärische Art gewonnen werden kann und dass ein Friede ohne Verhandlungen lediglich eine Petitio Principii darstellt.
  • Der zwölfte Grund schließlich ist, dass die heutigen Kommunikationstechnologien es des Bürgern und Gesellschaften erlauben, in einen direkten und ständigen Dialog einzutreten, der die Haltung von Regierungen, die nicht mehr notwendigerweise dem Willen der Bürger gleichzusetzen ist, ersetzen kann.

Zwölf Gründe, die für eine Zusammenarbeit sprechen, und die ebenso viele Herausforderungen beinhalten, denen wir uns stellen müssen, wollen wir nicht in den diversen Formen des Terrors versinken, die den ganzen Bereich der Politik endgültig ausschalten und die demokratischen Institutionen zum Einsturz bringen könnten. Für die Europäer ist dies die beste Möglichkeit, die ihnen am Herzen liegenden und weiterhin als Vorbild dienenden Werte aufblühen zu lassen und zu bewahren. Für die arabische Welt ist dies die Gelegenheit, einen Dialog, in dem ihre eigenen Besonderheiten nie wirklich gehört, geschweige denn berücksichtigt wurden, neu zu beleben.

Ein solcher Schritt geht mit der Notwendigkeit einher, Solidarität, Diversität und Pluralität zu vereinbaren, das Allgemeine und das Besondere zusammenzuführen und uns von der Last der auf Dogmen errichteten Traditionen zu befreien.

Aus diesem Geist heraus plädieren wir für eine umfassende Konsultation der Bevölkerung aller Mittelmeerländer und der Länder des europäisch-arabischen Raums mit Hilfe eines „Weißbuchs“ als erstem Schritt auf dem Weg zu umfassenden Verhandlungen, die die Schaffung eines Raums der Zusammenarbeit und der Sicherheit in den europäisch-arabischen Beziehungen zum Ziel haben. Dies geschieht in der Hoffnung, dass die Vernunft stärker ist als die Gefahr einer vielleicht nie zu heilenden Zerrissenheit.